Schaafschützen

24. November 2009

Am 10. Mai 1999 übernimmt Thomas Schaaf das Traineramt beim stark abstiegsbedrohten SV Werder Bremen. Sein glückloser Vorgänger Felix Magath war seinerseits erst während der Saison als Feuerwehrmann verpflichtet worden. Mit Schaaf gewinnt die zuvor allzu oft verunsichert auftretende Truppe drei der verbleibenden vier Spiele*, schafft so den Klassenerhalt und triumphiert dann sogar im Pokalfinale über den FC Bayern.

Heute, gut zehn Jahre, eine Meisterschaft und zwei Pokalsiege später, leitet der gebürtige Mannheimer noch immer die Trainingseinheiten beim SVW. Der Verein gilt mit dem aktuellen Kader abermals als Titelaspirant. Vor allem aber hat sich das Schaafsche Werder die Reputation einer wahren Angriffsmaschine erarbeitet, oder vielmehr erspielt.

Dabei waren Trainer und Manager immer wieder gefordert, hochkarätige Abgänge im Offensivbereich durch kluge Neuverpflichtungen zu kompensieren. Mit Erfolg: Klose kam für Ailton, Micoud übergab seinen Taktstock an Diego, den wiederum momentan ein Junge aus Gelsenkirchen vergessen macht. Allen Personalwechseln zum Trotz scheinen Kantersiege wie das jüngste 6:0 beim SC Freiburg an der Tagesordnung zu sein. Höchste Zeit, diesem Gefühl statistisch auf den Zahn zu fühlen.

Nach akribischer Sichtung von Abschlusstabellen und Ergebnislisten steht fest: Werder hat seit Schaafs Amtsantritt tatsächlich die meisten Treffer erzielt. Satte 701mal** ließen es die Weserkicker im gegnerischen Kasten klingeln. Der Rekordmeister liegt mit 698 Toren allerdings fast gleichauf. Auch die Ausbeute der für ihre Spielstärke bekannten Leverkusener kann sich sehen lassen. Deutlicher abgeschlagen sind hingegen die anderen sechs Vereine, die seitdem durchgängig im Oberhaus aktiv waren.

Eindrucksvoller als diese absoluten Zahlen ist aber meiner Meinung nach der Vergleich der Bremer Offensivstärke mit dem Ligadurchschnitt. So zeigt sich, dass die Ausbeute der Norddeutschen in jeder der zehn komplett von Schaaf gecoachten Spielzeiten über selbigem lag:

Saison Schnitt SVW Ligaschnitt *** Differenz
98/99 2,00 1,79 0,21
99/00 1,91 1,42 0,49
00/01 1,56 1,45 0,11
01/02 1,59 1,45 0,14
02/03 1,50 1,33 0,17
03/04 2,32 1,44 0,89
04/05 2,00 1,42 0,58
05/06 2,32 1,49 0,83
06/07 2,24 1,32 0,92
07/08 2,21 1,36 0,85
08/09 1,88 1,44 0,45
09/10 2,23 1,28 0,95
Gesamt 1,96 1,41 0,55

Der Gesamtwert beweist, dass die Norddeutschen in den letzten 357 Bundesligapartien jeweils ein halbes Tor mehr als der Durchschnittsclub erzielt haben. Das sind umgerechnet knapp 19 pro Spielzeit. In den 13 bislang absolvierten Runden der laufenden Saison kommt Werder auf einen Schnitt von 2,23 Toren.

Doch lassen diese beeindruckenden Zahlen auch einen direkten Zusammenhang mit dem sportlichen Abschneiden erkennen? Die Antwort ist ein ganz klares „Jein“:

Erzielte das Team also über 70 Treffer, was vier mal der Fall war, eroberte es stets einen Podestplatz. Waren es weniger als 60,  bedeutete das zweimal den sechsten und einmal den siebten Rang. Uneindeutig zeigen sich auf den ersten Blick die drei Spielzeiten, in denen die „Fischköppe“ zwischen 60 und 70 Torerfolge bejubeln durften. Eine Deutung der Diskrepanz zwischen Position drei, neun und zehn würde zumindest das Heranziehen der Abwehrleistungen erforderlich machen. Doch um diese soll es ja in diesem Text nicht gehen.

Besonders anschaulich manifestiert sich die Hanseatische Angriffswucht in der hohen Anzahl Spiele, die mit vier oder mehr eigenen Toren beendet wurden. Enorme 60mal war das der Fall, also ziemlich genau bei jedem sechsten Auftritt.

In dieser Kategorie kann selbst der Branchenprimus aus München nicht mithalten. Schalke und Hertha erreichen mit einem Wert von 19 noch nicht einmal ein Drittel des Bremer Benchmarks. Erklärtes Lieblingsopfer der Grün-Weißen ist Hannover 96. In sieben von gerade einmal 15 Aufeinandertreffen bekamen die bemitleidenswerten Niedersachsen so richtig die Hütte voll.

Wer Werder Bremen zugeneigt ist, kann sich dieses schwere Los also damit schönreden, mathematisch belegbar den besten Sturm der Bundesliga zu besitzen. Uns Schalke-Fans könnten hingegen die Worte eines hippophilen Rekordnationalspielers trösten: „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es gerade muss.“


* Bei diesen vier Partien handelt es sich um die Spieltage 32 bis 34 sowie ein Nachholpspiel vom 29. Spieltag. Aus Gründen der Vergleichbarkeit habe ich bei den anderen Vereinen exakt die gleichen Spieltage untersucht.
** Stand (gilt für alle genannten Summen): 24.11.2009
*** Sämtliche Bremer Werte wurden vor Ermittlung der Durchschnittszahlen rausgerechnet.

Alle in diesem Artikel genannten Zahlen habe ich nach bestem Wissen und Gewissen zusammengetragen. Bei aller Sorgfalt können mir aber angesichts der Datenfülle natürlich dennoch Fehler unterlaufen sein. Korrekturen und Ergänzungen per mail, twitter oder in der Kommentarspalte sind daher ausdrücklich erwünscht.

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Bundesliga-Orakel 09: Blogger vs. Bookies

7. August 2009

Auch wenn das große  Bundesliga-Eröffnungsspiel eher mäßig interessant erscheint: Das Radler ist kaltgestellt, Steffen Simon plappert sich im Hintergrund bereits in seinen ersten Leerlauf. Ja, sie kommt etwas spät, aber sie kommt – die große Bundesliga-Prognose von Stadioncheck.de. Zunächst lassen wir anerkannte Fußball-Blogger das Wort ergreifen:

RWE-Fan Uwe (Im Schatten der Tribüne) hört die Bagger schon rollen:

Dass das Auftaktspiel der Bundesliga gleich eine heiße Angelegenheit wird, ist eher dem Wetter geschuldet als der Paarung. Eine Idee der Medien, die dieses Spiel fast schon zum Derby mutieren lassen, hat doch Armin Veh auch einmal den VfB trainiert . Somit ist auch klar, der VfL Wolfsburg hat noch keine eigenen Ecken und Kanten entwickelt.

Dummerweise habe ich ja mit der Bundesliga eher marginal zu tun, bin ich doch in den Niederungen des Fußballs zu Hause. Somit leide ich subjektiv gesehen recht wenig, kann aber objektiv zu allem meinen Senf abgeben. Der Nachteil: Kaum jemand spricht mit mir über den RWE oder winkt beim SV Eintracht Nordhorn fragenden Blickes ab. Folgende Konstellationen halte ich für realistisch:

Meister wird der FC Bayern, der Essener Nachbarverein natürlich nicht.

Wie auch? Das schafft Felix Magath dann in 4 Jahren mit der TSG Hoffenheim. Bis kurz vor Saisonende bleiben aber der VfB Stuttgart, die Dortmunder Borussia, sowie der HSV und auch S04 an den Bayern dran. Überraschungspotential Richtung Tabellenspitze finde ich zusätzlich beim SV Bayer aus Leverkusen und ihrem entspannten Trainer Jupp Heynkes, und nach dem Pokalauftritt auch wieder beim SV Werder. Auch wird der VfL Wolfsburg natürlich weiter oben in der Tabelle zu finden sein.

Hertha BSC und auch die TSG aus Hoffenheim werden in das Mittelmaß zurückfallen und sicherlich auch zu den ersten Vereinen gehören, bei denen Mirko Slomka in`s Gespräch gebracht oder Lothar Matthäus sich in`s Gespräch bringt.

Bleiben die Vereine, die sich für mich um Relegation und/oder Abstieg streiten: Für den Club aus Nürnberg und die Gladbacher Borussia sehe ich gute Chancen, der VfL Bochum bleibt drin. Bleiben noch der SC Freiburg, Mainz 05 und Hannover 96. Aber, es kann und wird sicherlich alles wieder ganz anders kommen.

Wenn ich nun 2 Ligen überspringe, ja dann bin ich in Essen, an der Hafenstrasse und somit bei Rot Weiss Essen angekommen: Hier gibt es nicht viel zu spekulieren: Es zählt nur der Aufstieg. Und das wird ein solch schwieriges Unterfangen, so dass ich mit heutigem Wissensstand nicht an diesen Erfolg glaube. Extrem groß der Druck auf den Teamchef Strunz und die Mannschaft. Andererseits sind aber viele positive Signale zu vernehmen wie seit Jahren nicht mehr. Vielleicht musste dieser völlige Absturz kommen, um einen Neuanfang zu starten. Und ganz wichtig: Das Stadion kommt. Es wird sogar gebaut. Ab Morgen, den 8.8.09. Ehrlich!…..

Jens (catenaccio.de) setzt auf den Titelverteidiger:

Meister werden wieder die Wolfsburger. Auf einigen Positionen ergänzt und die Keyplayer behalten. Der Trainer hat ebenfalls Meisterschaftserfahrung, also wirds was mit der Titelverteidigung!
Wer schafft es in die CL/EL? Eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Da kommen rund 10 Mannschaften für die Plätze in Frage.
Für die Aufsteiger wird es schwer werden. Nürnberg, Mainz und Freiburg sind die Topkandidaten für den Fahrstuhl nach unten. Bochum und Gladbach werden es ebenfalls schwer haben.
Ich hoffe, dass man (Bayer Leverkusen, d. Red.) um die internationalen Plätze mitspielen darf. Realistisch ist eher ein Platz zwischen 7 und 10.

Bucksen (Chancentod.net) ist offenbar einer der wenigen FC-Anhänger, die sich erfolgreich gegen die Poldie-Manie gewehrt haben:

Nur noch wenige Stunden und der Ball rollt wieder. Gerade für mich als Anhänger und Mitglied des 1.FC Köln ist es schön auch in der 2. Saison noch die Stadien der 1. Bundesliga sehen zu dürfen. „Du kennst Leid? Ich bin FC Fan!“. Sicher haben wir uns mit Podolski, Freis, Schorch, Maniche gut verstärkt, aber viel mehr als letzte Saison denke ich ist da nicht drin. Aber ich lass mich auch gerne überraschen…

Nachdem die Wolfsburger nun letztes Jahr Ihre erste Meisterschaft feiern durften, sieht es für mich dieses Jahr eher nach einem Vierkampf um die Meisterschaft aus. Auch wenn sich der FCB natürlich gut verstärkt hat, sehe ich auch den amtierenden Meister, sowie den HSV und Stuttgart oben mitspielen. Jedoch sehe ich, dass gerade bei den Bayern durch ihre „Stars“ und einen Trainer, der keine Rücksicht auf diese nimmt, noch viel „FC Hollywood“ diese Saison auf uns zukommen wird. Der BVB könnte durchaus eine Überraschung werden diese Saison, da könnte sogar an der Euro League geschnuppert werden.

Schalke wird trotz Meistertrainer sich diese Saison nicht weiter nach Oben in der Tabelle vorarbeiten. Ich sehe sie sogar noch 1-2 Plätze schlechter. Die Mannschaft ist ein zusammengewürfelter Haufen und da schafft selbst Magath in einer Saison keine Wunderdinge. Diese Truppe muss sich erst noch finden und ob der junge Holtby als einziger Neuzugang da das Ruder rumreißen kann, mag ich zu bezweifeln.

Ganz schwer werden es meiner Meinung nach dieses Jahr Hannover, Freiburg, Bochum und Mainz haben. Auch der Club wird bis kurz vor Ende mit zittern müssen, aber werden es am Ende schaffen.

Heinz Kamke (Angedacht) sieht den VfB Stuttgart um einen Europapokal-Platz kämpfen:

Ich tippe auf die Bayern, weil ich glaube, dass van Gaal weiß, was er tut, und weil Gomez nach Belieben treffen wird. Bei Bochum befürchte ich, dass die Mannschaft zu schwach ist, bei Gladbach traue ich dem Trainer wenig zu.

1 Bayern 2 Wolfsburg 3 Stuttgart 4 Hoffenheim 5 Werder 6 HSV…
16 Mainz 17 Gladbach 18 Bochum

Für den VfB hoffe ich auf Platz 3-5 und halte 3-7 für realistisch. Ich gehe davon aus, dass Hleb eine gute Saison spielt und hoffe, dass die Diskussionen über seine Zukunft nach der Leihsaison nicht zu rasch alles überlagern. Pogrebnyak wird stark von ihm profitieren und eine gute Torquote erreichen. Ebenso Julian Schieber, hoffe ich.

Offen ist die Frage, wie man mit der irgendwann anstehenden ersten Krise der Ära Babbel umgeht, wenn besagter Babbel die halbe Woche in Köln ist.

Andre (spielfeldrand-magazin.de) schätzt die Chancen seines 1. FC Köln ähnlich nüchtern ein wie sein Kollege Bucksen:

1. FC Bayern München
2. Hamburger SV
3. Werder Bremen
4. FC Schalke 04
5. VfL Wolfsburg
6. Bayer 04 Leverkusen
7. VfB Stuttgart
8. Borussia Dortmund
9. 1899 Hoffenheim
10. Hertha BSC
11. 1. FC Köln
12. Hannover 96
13. SC Freiburg
14. Borussia Mönchengladbach
15. FSV Mainz 05
16. 1. FC Nürnberg
17. Eintracht Frankfurt
18. VfL Bochum

Mit der Verpflichtung von Poldi und Maniche lastet natürlich riesiger Druck auf dem FC. Allerdings sehe ich nur wenig Luft nach oben. Nur Hannover kann man im Vergleich zum Vorjahr noch überholen. Zudem fehlte uns Novakovic sehr, Maniche wird noch Zeit brauchen, nachdem er Monate ohne Spielpraxis war und Geromel fällt ja auch erstmal aus. Zudem wirkt Poldi noch nicht so übermäßig dominant. Es wird kein Spaziergang, aber mit dem Abstieg sollten wir trotzdem nichts zu tun haben.

:: Aber was meinen Bwin und Co.?

Betrachtet man die Durchschnittsquoten für die Langzeitwette „Wer wird Deutscher Meister 09/10?“, ergibt sich für das obere Tabellendrittel folgende Reihenfolge:

1. Bayern München 1,60
2. FC Schalke 04 9,65
3. SV Werder Bremen 11,62
4. VfL Wolfsburg 13,53
5. Hamburger SV 15,94
6. VfB Stuttgart 16,50

Auch hier sind die Bayern also die haushohen Favoriten. Etwas überrascht bin ich über die positive Einschätzung des FC Schalke. Trotz Magath sehe ich das Team maximal auf Rang vier.

Auf den Absteiger Nr. 1 kann ebenfalls getippt werden, allerdings nur bei zwei Wettanbietern. Dieses Bild sollte also mit Vorsicht genossen werden:

14. 1.FC Nürnberg 3,25
15. Borussia Mönchengladbach 2,81
16. VfL Bochum 2,00
17. SC Freiburg 1,96
18. 1. FSV Mainz 05 1,59

Ein dickes DANKESCHÖN an alle Netzmeister, die den Spaß doch recht kurzfristig mitgemacht haben! Leider musste ich die Antworten teilweise etwas kürzen, der Beitrag wäre sonst zu lang geworden. Ich denke aber, dass sich alle Kern-Aussagen im Text wiederfinden lassen.

Und nachdem nun sämtliche Meinungen zu potentiellen Europapokalteilnehmern und sicheren Absteigern ausgetauscht sind, brennt mir nur noch folgende Fragen unter den Nägeln:

Wen um alles in der Welt werden die 110-Jährigen zu den 17 anderen Bundesliga-Helden auf den Rasen schicken?

Egal. Auf geht’s!

∅-Quote
1. Bayern München 1,6
2. FC Schalke 04 9,65
3. SV Werder Bremen 11,62
4. VfL Wolfsburg 13,53
5. Hamburger SV 15,94
6. VfB Stuttgart 16,5

Didi und die Rache der Enterbten

23. September 2008

Im Dorf scheinen die Nerven blank zu liegen…: Hopp zeigt Dortmunder Fan an

Verstehen muss man das alles nicht. Da darf sich ein superreicher Mäzen vor den öffentlich-rechtlichen Kameras ausheulen, weil er ja so übel, übel beleidigt worden ist… und nahezu sämtliche Medien drehen am Rad. Ja, ein spätpubertierender Jugendlicher ist mit dem Motiv eines selbstgebastelten Doppelhalters übers Ziel hinausgeschossen, keine Frage. Aber wie daraus eine Morddrohung konstruiert wird, das ist schon arg lächerlich.

Beschimpfungen, auch derberer Natur, gehören wahrscheinlich seit den Gründertagen dieses Sportes einfach dazu. Jeder BuLi-Torwart wurde während seiner Laufbahn schon Tausende male bei Abstößen als Anus, Onanist und Stammhalter einer Prostituierten verunglimpft. Was darf sich ein Uli Hoeneß regelmäßig in fremden Stadien anhören? Schalker werden in Dortmund beleidigt und Dortmunder auf Schalke. Und alle zusammen möchten nicht selten eine schwarze Sau am Galgen baumeln sehen. Das beste daran ist: jeder weiss es, keinen juckts. Bislang zumindest. Nun gibt es da einen dunnhäutigen Milliardär, vor dem sich Sportpresse, DFB und devote Präsidenten der Konkurrenz kollektiv in den Staub werfen. Dabei liegt die Lösung für Didis Probleme doch auf der Hand: Stay out of the kitchen if you can’t stand the heat!