Ende einer Durststrecke

Standard de Liège v RSC Anderlecht 2:0

Als Spieler gefeierter Star, als Trainer belächelter Versager ─ droht auch Michel Preud’homme dieses loddaeske Schicksal? Die lokale Sportpresse ließ zuletzt jedenfalls kein gutes Haar an Standard Lüttichs Übungsleiter. Vom verschenkten Double war die Rede, weil er unter der Woche im Pokal-Halbfinale in Gent etliche Stammkräfte schonte und mit 0:4 unterging. Die Verfolger aus Brügge und Brüssel-Anderlecht witterten Morgenluft im Titelkampf.

Jupiler League 2007/2008, 31. Spieltag
Lüttich / Belgien: Stade Maurice Dufrasne (»Sclessin«), 20. April 2008
27 500 Zuschauer (ca. 2 500 Gäste)

»Nie habe ich das Herz Frankreichs so stark schlagen gehört wie hier«, schwärmte Frankreichs ehemaliger Präsident Georges Pompidou einst während eines Staatsbesuches. Seine Liebeserklärung an die Stadt an der Maas kommt nicht von ungefähr. Unzählige Bistros und Brasserien, eine beachtliche Museumslandschaft oder seine engen, chaotischen Gassen verleihen Lüttich, oder besser Liège, tatsächlich diesen gewissen Hauch von »Savoir-vivre«.

Doch dieser Eindruck schwindet schnell, wenn man das Zentrum verläst und sich dem Stadtteil »Sclessin«, der Heimat von Standard, nähert. Der Niedergang der Stahlindustrie hat hier überdeutlich seine Spuren hinterlassen. So in etwa muss es früher im Ruhrgebiet ausgesehen haben – vor dem Strukturwandel. Das Erlöschen der Hochöfen löste eine kleine Völkerwanderung gen Flandern aus, in Richtung Arbeit. Standards Festung mit ihren drei Rängen und die Getreuen, die diesen Ort alle zwei Wochen mit Leben füllen, sind so etwas wie die letzten Farbkleckse im trostlosen Grau von Abbruchhäusern, Alltagssorgen und Industrieruinen.

Knapp 40 Minuten vor Anpfiff erbebt das Stade Maurice Dufrasne, das hier aber eigentlich jeder »Sclessin« nennt, an diesem Abend zum ersten Mal in seinen Grundfesten. Euphorisch, fast schon hysterisch, vermelden mit Radios ausgestattete Zuschauer den Umstehenden das Endergebnis der anderen Sonntagspartie: Der FC Brügge ist in Gent nicht über ein torloses Unentschieden hinausgekommen. Das bedeutet, dass nicht irgendwann, sondern hier und heute mit einem Sieg eine bis dato fantastische Saison ohne eine einzige Niederlage gekrönt werden kann. Gegen Anderlecht, gegen den Erzrivalen, gegen die verhassten »Violetten« aus der Millionen-Metropole, die sich in Belgien über die Jahre ein ähnliches Dusel-Image aufgebaut haben wie der FC Bayern hierzulande.

Keine Tore im ersten Abschnitt

Der Anstoß erfolgt mit deutlicher Verspätung, da simultan zum Einmarsch der Teams zahllose bengalische Fackeln den Weg in den Innenraum der Arena gefunden haben. Minutenlang hat der emsige Ordnungsdienst alle Hände voll zu tun, die einem glühenden Lavafeld gleichende Spielfläche zu säubern. Zudem wird Standards Kapitän, der erst 20-jährige Steven Defour, zwischen Tür und Angel als »Fußballer des Jahres« ausgezeichnet. Seine Trophäe erhält er von keinem geringeren als Zinédine Zidane. Untermalt wird die groteske Zeremonie durch sanfte Klänge aus der Feder von Deutschlands erfolgreichstem Musik-Export »Scooter«. Selbst langjährige Anhänger quittieren dieses Schauspiel mit achselzuckender Ratlosigkeit ─ Zizous Motivation und dessen Beziehung zu den Gastgebern bleiben wohl für immer ungeklärte Mysterien.

Als der Ball endlich rollt, scheint es, als haben sich die Protagonisten von der allgegenwärtigen Hektik anstecken lassen. Zwar ergeben sich auf beiden Seiten einige Torchancen, diese sind aber ausnahmslos ungeordneten Abwehrreihen und vogelwilden Torwartaktionen geschuldet. Von durchdachten Angriffen ist kaum etwas zu sehen, ein 0:0 zur Pause die logische Konsequenz.

»Préparez votre Kleenex!« ist auf einem Spruchband im Gästeblock zu lesen ─ »Haltet eure Taschentücher bereit!«. Besser lässt sich diese Mischung aus hauptstädtischer Arroganz und dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines Rekordmeisters kaum in einem Kurzsatz konzentrieren. Seit nunmehr 25 Jahren muss das Aushängeschild des wallonischen Fußballs derartige Schmähungen ertragen.

1983 gelang Standard letztmalig der große Wurf, danach machte ein exklusiver Kreis von sechs flämischen Vereinen die Meisterschaft unter sich aus. Der Großteil des aktuellen Kaders war damals noch nicht einmal geboren. So besitzt die heutige Startelf ein Durchschnittsalter von 22,7 Jahren. Dieser im europäischen Spitzenfußfußball einzigartige Wert ist das Resultat konsequenter Nachwuchsförderung in einer hochmodernen Fußballakademie.

Happy Hardcore und glückliche Sieger

Nach dem Wechsel spiegelt sich dieser jugendliche Elan endlich auf dem Platz wieder. Preud’homme scheint in der Kabine die richtigen Worte gefunden haben, denn Angriff um Angriff rollt nun in Richtung Gästetor. Beinahe zwangsläufig gelingt Dieumerci Mbokani in der 54. Spielminute der Führungstreffer. Die unmittelbar daraus resultierenden Ovationen auf den Rängen fallen zwar ausgelassen, aber doch relativ gewöhnlich aus. Erst nach einer kurzen Atempause, nach einem Moment des Begreifens, explodiert das Stadion förmlich. Als ob sich dieses Vierteljahrhundert der Demütigungen und Enttäuschungen kollektiv entladen würde, erzeugen 25 000 Fanatiker eine in unseren Breiten nicht für möglich gehaltene Gänsehaut-Atmosphäre.

Angetrieben von diesem einmalig enthemmten Publikum gelingt es der Heimelf, einen in solchen Spielsituationen oft begangenen Fehler zu vermeiden. So igelt sie sich eben nicht hinten ein, sondern stürmt unbekümmert weiter. Das stolze Anderlecht wird vorgeführt. Als wiederum Mbokani auf 2:0 erhöht, lösen sich auch die letzten Zweifel in Luft auf. Hektoliterweise quillt nun Herzblut von Sclessins Steilwänden, Lüttich besäuft sich an sich selbst.

Mit dem Schlusspfiff brechen alle Dämme. Tausende klettern über Werbebanden und Zäune, der Rasen verwandelt sich immer mehr in ein glückselig wogendes Meer. Hier wird deutlich, wie viel wahrer Genuss mit Verzicht zu tun hat. In Brügge und Brüssel werden Meisterschaften unaufgeregter und routinierter zur Kenntnis genommen. Ob dort auch zu deutschem Techno mit 180 BPM geschunkelt wird, ist indes nicht überliefert.

Mitten in dieser improvisierten Meisterfeier diktiert der Welttorhüter von 1994 den Reportern in die Blöcke, dass der nun feststehende Titelgewinn »einem Wunder« gleiche. Demütig habe er den Herrgott direkt nach dem Aufstehen um die vorzeitige Entscheidung gebeten. Keine Frage, dem Mann, der schon als Profi »der Heilige« genannt wurde, haftet auch heute noch etwas Klerikales an. Und spätestens als sein Name unaufhörlich durch die Lütticher Fußballkathedrale hallt, muss selbst der kritischste Schreiberling eingestehen: alles richtig gemacht, Sankt Preud’homme!


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